ENTWURFSKRITERIEN
FÜR ORIENTIERUNG

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ANORDNUNG VON INFORMATIONSTRÄGERN

Durch altersbedingte Seheinschränkungen können Bewohner bzw. Patienten nicht mehr ohne Verzögerung zwischen Weit- und Nahsehen wechseln. Dies führt dazu, dass ihr Blick während des Laufens häufig nach unten gerichtet ist, um potentielle Hindernisse auf dem Boden zu erkennen. Ein geneigter Blick scheint auch unabhängig vom veränderten Sehvermögen für alte Menschen und ganz speziell für Alzheimererkrankte typisch zu sein.

In Folge dessen werden Raumelemente über einer bestimmten Montagehöhe nur noch eingeschränkt wahrgenommen. Wichtige Informationsträger sollten deshalb eher niedrig angebracht werden. Die DIN 18040-1 empfiehlt eine Anordnungshöhe von Beschilderungen zwischen 1,20 m und 1,60 m, während die DIN 32976 Höhen zwischen 1,00 m und 1,60 m für Aushangsinformationen vorschlägt. Da die durchschnittliche Augenhöhe bei 1,30 m liegt, wird davon abgeraten, die maximalen Montagehöhen zu wählen. Eine niedrige Anbringhöhe wird auch für gestaltende Elemente empfohlen.



>> DIN 18040-1:2010-10
>> Passini et al. (2000)
>> VDI 6008 Blatt 1:2012-12

INTERPRETATION VON INFORMATIONEN
ZUM AUFFINDEN VON BEREICHEN UND RÄUMEN

Für Informationsträger gilt das Prinzip der Reizreduzierung. Die Informationsdichte ist also durch Beschränkung auf die wesentlichsten Angaben gering zu halten. Informationen müssen eindeutig und leicht zu interpretieren sein.

Schrift, insbesondere der eigene Name, wird von Menschen mit Demenz noch recht lange erkannt und eignet sich daher gut zur Informationsvermittlung. Gegebenenfalls ist bei Frauen auf den Mädchennamen zu wechseln.

Auch Zahlen können von Demenzpatienten lange erkannt werden. Sie eigenen sich beispielsweise zur Benennung von Etagen, da dies eine herkömmliche Art der Kennzeichnung darstellt. Eine alleinige Unterscheidung von Geschossen nach Themen bzw. atmosphärischen Bildern, etwa zwischen einer „Ebene Blumenwiese“ und einer „Ebene Hochgebirge“, ist unzureichend und sollte lediglich additiv eingesetzt werden. Innerhalb einer Station jedoch kann eine stark unterschiedliche Gestaltung zweier Aufenthaltsbereiche, beispielsweise nach Themen wie „70er Jahre Wohnküche“ und „Wintergarten“, die Orientierung unterstützen.

Einfache Symbole werden teilweise verstanden. Da die Bedeutung von Symbolen gelernt sein muss, eigenen sich keine Grafiken, welche erst in der Zeit nach dem 30. Lebensjahr der Patienten regelmäßig benutzt wurden. Grafische Darstellungen oder Fotos von Gegenständen, die auf eine Raumnutzung hindeuten, beispielsweise eine dampfende Kaffeetasse in der Küche, können von Demenzpatienten hingegen gut verstanden werden. Wichtig ist dabei, dass die Grafiken keine unnötigen Elemente wie Schatten oder Verzierungen enthalten und in der üblich auftretenden Perspektive oder als Ansicht gezeigt werden. Die Verständlichkeit von Grafiken erhöht sich durch die Ergänzung von Wörtern. Zur Illustration von Raumnutzungen eignen sich auch Werbegrafiken aus der Jugendzeit der Patienten.

Völlig ungeeignet zur Informationsvermittlung sind Farbcodierungen jeder Art, wie beispielsweise ein stations- oder geschossweiser Farbwechsel. Diese abstrakten Kennzeichnungen sind für Demenzkranke nicht verständlich. Aufgrund des veränderten Farbensehens im Alter, eignen sich Farbcodes ebenso wenig für kognitiv gesunde alte Menschen.

Zur Kennzeichnung privater Elemente und Räume sind Bilder und Gegenstände mit Biografiebezug günstig. Ob das Aufhängen von Porträtaufnahmen der Bewohner bzw. Patienten an ihrer Zimmertür das Auffinden des Raumes erleichtert, ist bislang nicht abschließend geklärt. Vorliegende Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen.



>> Breuer (2009)
>> DIN 32975:2009-12
>> Gibson et al. (2004)
>> Gross et al. (2004)
>> Hanley (1981)
>> Namazi, Johnson (1991b)
>> Namazi, Rosner, Rechlin (1991)
>> Nolan et al. (2001)
>> Nolan et al. (2002)
>> Passini et al. (2000)
>> Scialfa et al. (2008)

LESBARKEIT VON SCHRIFT

Bei textlichen Darstellungen ist auf einen hinreichenden Leuchtdichtekontrast zwischen Schrift und Hintergrund zu achten. Nach DIN 32975 ist ein Kontrast von mindestens 0,7 einzuhalten. Für Schwarz-Weiß-Kontraste liegt der Mindestwert bei 0,8.

Als gut lesbar gelten serifenfreie Schriften, bei denen sich die einzelnen Buchstaben nicht berühren. Auf Texte in reinen Großbuchstaben oder kursive Schriftschnitte sollte verzichtet werden.

Die erforderlichen Schriftgrößen können in Abhängigkeit von Beobachtungsentfernung und Sehschärfe nach DIN 32975 berechnet werden. Nach VDI 6008-1 können folgende Schriftgrößen noch deutlich erkannt werden:
- Entfernung von 25 cm: Schriftgröße 0,4 bis 0,9 cm,
- Entfernung von 1m: Schriftgröße 1,8 bis 3,5 cm sowie
- Entfernung von 10 m: Schriftgröße 17 bis 35 cm.



>> EPH Barrierefreiheit, Kapitel „Orientierung“, Entwurfskriterium „Leuchtdichtekontrast“
>> DIN 32975:2009-12
>> VDI 6008 Blatt 1:2012-12

INTERPRETATION VON RÄUMEN

Durch die demenzbedingte Einschränkung der Umweltinterpretationsfähigkeit ist in der Gestaltung auf eine starke Affordanz der Räumlichkeiten zu achten. Unter Affordanz versteht man den gegenstands- oder raumeigenen Gebrauchs- oder Handlungsvorschlag. Ein Stuhl beispielsweise enthält die Aufforderung, sich zu setzen. Türklinken ermuntern zum Drücken der Armatur.

Das Raumdesign und die Möblierung müssen eine möglichst eindeutige und bekannte Raumnutzung suggerieren. Es sind ausschließlich raumtypische Elemente und Materialien zu verwenden. Multifunktionale Nutzungen werden von Menschen mit Demenz nicht verstanden. Beispiele für irritierende Möblierungen in Institutionen sind Hometrainer in Aufenthaltsräumen oder Fernseher in der Küche. Akustische und olfaktorische Informationen, wie Wasserplätschern im Bad oder Geruch von Frischgebackenem in der Küche, können die Verständlichkeit eines Raumes unterstützen. Die Gestaltung sollte sich am Trip-back-in-time-Modells orientieren.

Neben der Möblierung trägt auch eine geeignete Raumsyntax, die der gebräuchlichen Anordnung entspricht, zu einem leichteren Verständnis bei. Gleiches gilt für die Raumproportionen sowie eine klare Abgrenzung des Raumes. Dies heißt nicht, dass alle Räume allseitig geschlossen sein müssen. Aufenthaltsflächen können sich auch zu Verkehrswegen öffnen oder komplett in diese integriert sein. In diesen Fällen sind eine gestalterische Begrenzung der Fläche sowie eine Klärung der Brandschutzaspekte erforderlich.



>> Kapitel „Gestaltung + Ausstattung“, Entwurfskriterium „Trip back in Time“
>> Marquardt (2007)
>> Marquardt, Schmieg (2009)
>> Passini et al. (2000)

INTERPRETATION VON JAHRES- UND TAGESZEIT

Eine Unterstützung der Bewohner bzw. Patienten in der zeitlichen Wahrnehmung ist in der demenzsensiblen Gestaltung von besonderer Bedeutung. Durch die Verfügbarkeit von Uhren und Blickbeziehungen in den Außenraum werden wichtige Informationen über die Tageszeit vermittelt. Durch unterschiedliche Vegetationsphasen (ausgenommen sind Nadelhölzer) können Rückschlüsse auf die Jahreszeit gezogen werden. Dies kann durch eine themenbezogene Dekoration im Innenraum unterstützt werden.



>> Marquardt (2007)

LEITEN ÜBER DIREKTE BLICKBEZIEHUNGEN

Die einfachste Art der räumlichen Orientierung erfolgt über eine direkte visuelle Beziehung zum Ziel, das angesteuert werden soll. Diese Orientierungsform ist auch im fortgeschrittenen Stadium der Demenz noch zu bewältigen. Bei Blickverbindungen, die über Verglasungen geschaffen werden, ist darauf zu achten, dass keine Spiegelungen auftreten.

Es wird empfohlen die wichtigsten räumlichen Beziehungen, beispielsweise zwischen Bett und der Toilette oder zwischen Toilette und Gemeinschaftsbereich, über direkte visuelle Verbindungen zu stärken. Dies führt dazu, dass die Toiletten häufiger selbstständig aufgesucht werden und trägt somit zur Entlastung des Pflegepersonals bei.



>> Kapitel „Grundrissorganisation“, Entwurfskriterium „Wichtige Blick- und Wegebeziehungen”
>> Marquardt (2007)
>> Marquardt, Schmieg (2009)
>> Namazi, Johnson (1991a)
>> Passini et al. (2000)

LEITEN ENTLANG EINES WEGES

Die nächst komplexere Orientierungsform besteht darin, Ziele entlang eines Weges aufzufinden. Dies erfordert eine kognitive Leistung, die nicht mehr von allen Demenzerkrankten erbracht werden kann. Durch architektonisch, gestalterische Maßnahmen kann die intuitive Wegfindung verbessert werden.

Das wichtigste Kriterium dafür ist eine sehr klare und eindeutige Ausbildung der Wege. Je schmaler beispielsweise ein Flur ist, desto einfacher ist es, ihn als Weg mit eindeutiger Richtung zu begreifen. Durch die häufig auftretenden motorischen und konditionellen Einschränkungen werden im Alter Handläufe vermehrt genutzt. Daher können diese als natürliches Leitelement genutzt werden. In der Flurgestaltung ist darauf zu achten, dass mindestens eine durchgängige Wand ohne Vor- oder Rücksprünge vorhanden ist, um einen durchgängigen Handlauf anbieten zu können. Darüber hinaus können haptische Elemente am Handlauf zur Markierung wichtiger Orte beitragen.

Die Leitung entlang eines Weges funktioniert je besser, desto weniger Entscheidungen von den Demenzkranken getroffen werden müssen. Eine bewusste Richtungswahl bei sich verzweigenden Fluren kann meist nicht mehr getroffen werden. Auf Abzweigungen sollte deshalb nach Möglichkeit verzichtet werden.

Die Orientierung erhöht sich mit der Unterscheidbarkeit verschiedener Flure sowie der Laufrichtung. Flure einer Nutzungseinheit, beispielsweise einer Station, sollten sich in Länge und Farbigkeit bzw. Materialität unterscheiden. Durch eine differenzierte Gestaltung der Flurenden sowie der Flurwände kann die Laufrichtung besser unterschieden werden.



>> Kapitel „Erschließung“, Entwurfskriterium „Sackgassen vermeiden“
>> Marquardt (2007)

LEITEN VON PUNKT ZU PUNKT

Eine weitere Orientierungsmöglichkeit ist die von Punkt zu Punkt. Um ein sequenzielles Leiten von Menschen mit Demenz zu ermöglichen, müssen möglichst markante Orte geschaffen werden, die als Referenzpunkte fungieren.

Innerhalb von Stationen bzw. Wohnbereichen können Orte mit besonderer Relevanz für die Bewohner bzw. Patienten, beispielsweise zentrale Aufenthaltsräume, solche Referenzpunkte darstellen. Die Referenzpunkte innerhalb eines Bereiches, z. B. einer Station, sollten einen möglichst starken und vor allem eigenen Charakter haben, um gut unterschieden werden zu können.

Die Orientierung kann auch durch Referenzpunkte in der Umgebung unterstützt werden. Diese können in markanten Gebäuden des Umfeldes, beispielsweise einer Kirche, oder auch deutlich unterscheidbaren Ausblicken, z.B. Garten- und Straßenseite, bestehen.



>> Marquardt (2007)
>> Marquardt, Schmieg (2009)
>> Passini et al. (2000)