ENTWURFSKRITERIEN
FÜR GESTALTUNG + AUSSTATTUNG

TRIP BACK IN TIME

Das von Johnson & Johnson im Jahr 2000 entwickelte Model des „Trip back in time“ illustriert die spiralförmige Rückwärtsentwicklung in der Selbstwahrnehmung dementiell erkrankter Menschen. Besonders einprägsam scheint dabei die Phase zwischen 20. und 30. Lebensjahr zu sein, so dass sich die meisten Patienten in späteren Demenzphasen in dieser Zeit wähnen. Typischerweise werden Personen oder Entwicklungen/Techniken, die zu einem späteren Zeitpunkt kennengelernt wurden, nicht mehr erkannt. Es ist daher von Vorteil, der Wahrnehmung der Bewohner in der Gestaltung entgegen zu kommen. Menschen, die sich aktuell mit Demenz im Pflegeheim befinden, wähnen sich entsprechend des Models häufig in den 60er bzw. 70er Jahren. Daraus ist keinesfalls abzuleiten, dass die typische Gestaltung dieser Zeit nachgeahmt werden muss. Dieses Modell trägt jedoch zum Verständnis darüber bei, welche Umgebungen von Menschen mit Demenz leicht verstanden werden und welche technischen und gestalterischen Details zu Überforderung führen können.



>> Johnson, Johnson (2000)

GESTALTUNG VON SCHRÄNKEN

Das Auffinden von bestimmten Gegenständen in Schränken und das Identifizieren des eigenen Schrankes, beispielsweise im Krankenhaus oder Pflegeheim, fällt besonders Menschen mit Demenz mit fortschreitender Erkrankung immer schwerer. Durch einige gestalterische Maßnahmen kann die selbstständige Nutzung der Schränke deutlich verbessert werden. Auch hier gilt das Prinzip der Reizreduzierung. Je mehr Möglichkeiten und optische Anreize bestehen, desto unwahrscheinlicher wird eine gezielte Handhabung. Es sollte daher lediglich eine Auswahl an besonders relevanten Gegenständen, welche ohne Gefahr selbstständig genutzt werden können, deutlich sichtbar präsentiert werden. Die Relevanz der Gegenstände bezieht sich dabei einerseits auf eine Beschreibung der eigentlichen Raumfunktion (beispielsweise Zahnbürste im Bad, Topf in der Küche) sowie den bibliografischen Bezug der Nutzer. Durch die Markierung mit persönlichen Gegenständen oder das Anbringen von Namensschildern können Demenzpatienten unterstützt werden, den eigenen Schrank aufzufinden. Die Anordnung der Schränke im Raum beeinflusst ebenso deren Nutzung. Je stärker die Möbel visuell präsent sind, desto häufiger werden sie frequentiert. Im Patienten- oder Bewohnerzimmer ist aus diesem Grund eine eindeutige Zuordnung der Schränke zu den Territorien und Bettplätzen erforderlich.



>> Ausführungsvariante „Personalisierung von Schränken“
>> EPH Psychiatrie, Kapitel „Gestaltung + Ausstattung“, Ausführungsvariante „Territorien am Bettplatz“
>> EPH Psychiatrie, Kapitel „Gestaltung + Ausstattung“, Entwurfskriterium „Patientenzimmer: Aneignung ermöglichen“
>> EPH Psychiatrie, Kapitel „Gestaltung + Ausstattung“, Ausführungsvariante „Aneignung ermöglichen“
>> Chard, Liu, Mulholland (2009)

BEDIEN- UND GRIFFELEMENTE

Mit dem Alter verschlechtert sich im Allgemeinen die Feinmotorik und die Beweglichkeit geht zurück. Komplizierte Bewegungs- und Bedienabläufe können dadurch immer schlechter ausgeführt werden. Als günstig haben sich einfache und bekannte motorische Abläufe erwiesen. Nach VDI 6008-1 sind Doppelbelegungen wie Drehen und gleichzeitiges Drücken zu vermeiden. Bedienungen sind grundsätzlich einhändig zu ermöglichen. Durch eine Abnahme der Muskelkraft ist außerdem auf die Leichtgängigkeit der Bedienelemente zu achten.

Griffelemente sollten der Handanthropometrie möglichst gut entsprechen, also weder zu filigran noch zu massiv sein. Handläufe und Haltestangen sind griffsicher und gut umgreifbar auszuführen. Der empfohlene Durchmesser liegt zwischen 3 und 4,5 cm.

Weiterhin müssen Bedienelemente, wie Drücker, Schalter oder Taster, deutlich kontrastierend zur Umgebung gestaltet werden. Ihre Montagehöhe ist abhängig von deren Nutzung. Die DIN 18040 empfiehlt für barrierefreie Lebensräume eine mittlere Bedienhöhe von 85 cm. Es darf jedoch bezweifelt werden, dass diese ungewöhnlich niedrige Montagehöhe für Bedienelemente durch demenziell Erkrankte intuitiv nutzbar ist. Auch auf pflegerische Abläufe kann sich diese Höhe erschwerend auswirken. Die VDI 6008 rät für Einrichtungen, in denen sich Menschen mit Rollatoren aufhalten, zu einer mittleren Montagehöhe von 105 cm.



>> EPH Barrierefreiheit, Kapitel „Ausstattung“, Entwurfskriterium „Bedienbarkeit“
>> DIN 18040-1:2010-10
>> DIN 32975:2009-12
>> VDI 6008 Blatt 1:2012-12

ERGONOMIE VON SITZMÖBELN

Das bequeme Hinsetzen sowie das selbstständige Aufstehen werden durch einige geometrische Faktoren unterstützt. Relevant ist zunächst eine Höhe der Sitzfläche zwischen 46 und 48 cm. Diese sollte nicht zur Lehne hin geneigt sein. Arm- und Rückenlehnen sind obligatorisch. Rückenlehnen sollten in einem Winkel von 105° zur Sitzfläche stehen. Eine Ausnahme bilden in diesem Punkt Sitzplätze, die von Rollstuhlfahrern benutzt werden sollen. Durch das seitliche Anfahren und Umsetzen eignen sich keine Sitzmöbel mit Armlehnen. Stühle und Bänke müssen grundsätzlich einen stabilen Stand haben und dürfen nicht zum Kippen neigen.



>> BMUB (2016)
>> DIN 18040-3:2014-12

RAUMAKUSTIK

Im Sinne der Reizreduzierung ist auch eine akustische Behaglichkeit von besonderer Bedeutung. In hochfrequentierten Bereichen, wie Fluren und Aufenthaltsräumen, sind Akustikelemente empfehlenswert. Diese reduzieren den Grundgeräuschpegel und verbessern die Sprachverständlichkeit. Entsprechend der DIN 18041 ist davon auszugehen, dass je nach Produkteigenschaften, ca. 80 % der Deckenfläche in den Gemeinschaftsbereichen sowie ca. 30 % in den Fluren mit Schallabsorbern zu verkleiden sind.

Eine akustische Überstimulation kann bei Menschen mit Demenz zu erhöhtem Wanderdrang, aggressivem Verhalten und Agitation führen. Komfortable Geräuschkulissen hingegen wirken stimulierend und tragen zu einer höheren Lebensqualität bei. Sie unterstützen die Orientierung, die Kommunikation zwischen den Bewohnern von Pflegeheimen sowie die Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme.



>> Algase et al. (2010)
>> Cohen-Mansfield, Werner (1995)
>> Cohen-Mansfield et al. (2010)
>> Garre-Olmo et al. (2012)
>> Joosse (2009)
>> McDaniel et al. (2001)
>> Meyer et al. (1992)
>> Netten (1993)
>> Nelson (1995)

AQUARIEN

Aquarien in Aufenthalts- bzw. Speiseräumen von Einrichtungen für Menschen mit Demenz können Einfluss auf deren Verhalten und Befinden haben. Unruhige Patienten mit starkem Laufdrang werden durch die Betrachtung des Aquariums länger am Platz gehalten. Bei eher lethargischen Personen kann die Betrachtung der Fische zu einem wacheren Verhalten führen. In beiden Fällen ist mit einer verbesserten Nahrungsaufnahme zu rechen.



>> Edwards, Beck (2002)
>> Katcher, Beck (1985)

TEILHABE ERMÖGLICHEN

Im Zusammenhang mit demenziellen Erkrankungen tritt ein verändertes Sozialverhalten auf. Das Bedürfnis nach Rückzug und Privatsphäre reduziert sich zunehmend. Die Teilhabe am gemeinschaftlichen Leben gewinnt hingegen an Bedeutung. Diese findet häufig rein über akustische und visuelle Beziehungen statt, ohne dass Betroffene selbst aktiv am Gruppengeschehen teilnehmen müssen. Man spricht vom Rückzug innerhalb der Gruppe.

Bei der Planung von Einrichtungen für demenziell Erkrankte sind die Gemeinschaftsflächen entsprechend groß zu bemessen. Essentiell scheint im Zusammenhang mit der Akzeptanz von Aufenthaltsräumen die räumliche Nähe zu den Mitarbeitern. Besonders gut werden Räume genutzt, in denen auch gemeinsame Aktivitäten mit dem Personal angeboten werden. Im Gegensatz zu den Gemeinschaftsflächen können die privaten Rückzugsräume meist in ihrer Größe reduziert werden.

Besonders relevant ist dieses verstärkte Bedürfnis nach Teilhabe beispielsweise für bettlägerige oder mit MRSA-Keimen infizierten Patienten und Bewohner, für die eine Isolation mit großem Stress verbunden sein kann. Für diese Gruppen müssen individuelle Konzepte zur Teilhabe entwickelt werden.



>> Ausführungsvariante "Beobachterplätze"
>> Ausführungsvariante "Öffnung von Bewohnerzimmern zum Gemeinschaftsbereich"
>> Dürrmann (2010)
>> Heeg (2003)
>> Marquardt (2007)
>> Welter, Hürlimann, Hürlimann-Siebke (2006)

KLARE TERRITORIEN

Ein eigenes Territorium zu besitzen und sich dieses bestenfalls mittels Personalisierung aneignen zu können, gehört zu grundlegenden psychologischen Bedürfnissen. Die Fähigkeit zum Erkennen und Respektieren von Territorien wird jedoch durch demenzielle Erkrankungen eingeschränkt, was zu erheblichen Stresssituationen führen kann. Im Sinne einer demenzfreundlichen Architektur sind möglichst starke Territorien auszubilden.

In Institutionen bildet sich das primäre Territorium um den eigenen Bettplatz. Speziell in Mehrbettzimmern sind die Bereiche der einzelnen Personen eindeutig voneinander abzugrenzen und gemeinschaftlich genutzte Elemente in neutralen Zonen anzuordnen.

Auch eine klare Ausbildung temporärer Territorien, beispielsweise das um einen Sitzplatz im Gemeinschaftsbereich, trägt zu einem demenzfreundlichen Milieu bei.



>> Ausführungsvariante "Territorien am Essplatz"

NATURBETRACHTUNG UND ZUGANG ZU FREIRÄUMEN

Zahlreiche Studien haben belegt, dass eine positive Ablenkung durch Betrachtung von Natur, sei es in Form eines schönen Ausblickes aus dem Fenster oder durch die Betrachtung von Bildern mit Naturmotiven, Stress und Schmerzen reduziert und das Wohlbefinden sowie Genesungsprozesse unterstützen kann. Das enorme Potential dieses Effektes sollte gezielt eingesetzt werden, beispielsweise für bettlägerige Personen oder innenliegende Räume. Entspannende Wirkungen können auch durch das Einspielen von Naturgeräuschen, z.B. im Badezimmer, erzielt werden.

Beengungsgefühle innerhalb von Gebäuden können bereits durch die Verfügbarkeit von freien Flächen in der Umgebung, wie Parks, reduziert werden. Besonders positiv auf die Lebensqualität wirkt sich jedoch ein direkter Zugang zum Außenraum aus. Die Bewegung im Freibereich führt zu mehr Aktivität und reduziert die Sekundärsymptome bei Demenzen, wie Aggressionen, deutlich.



>> Rapoport (1975)
>> Ulrich (1984)
>> Ulrich et al. (2008)
>> Whall et al. (1997)

UMWELREIZE GEZIELT EINSETZEN

Demenzielle Erkrankungen schränken die Kompetenzen zur Interpretation der Umwelt ein. Die bestehenden Umweltreize können zunehmend schwerer aufgenommen und verarbeitet werden, wodurch es zu Reizüberflutungen kommt. Daraufhin treten typische Sekundärsymptome der Demenz wie Unruhe, ungezieltes Umherlaufen, Agitation, Aggressivität oder auch Rückzug in Erscheinung.

Eine demenzsensible Architektur zielt auf starke Reizminderung, beispielsweise durch:
- Beschränkung auf wesentlichste Informationen in Beschilderungen,
- Reduktion von Dekorationen,
- Verzicht auf akustische Reize wie Musik oder
- Verzicht auf starke Musterungen und häufige Materialwechsel.

Dieser Gestaltungsaspekt sollte dabei nicht zu Reizarmut führen, welche wiederum zu Verhaltensauffälligkeiten führen kann. Vielmehr muss der Schwerpunkt auf der Entwicklung gezielt wirkender Umweltreize liegen, die zum Verständnis des Raumes und der Situation beitragen.



>> Kapitel „Orientierung“, Entwurfskriterium „Interpretation von Jahres- und Tageszeit”
>> VDI 6008 Blatt 1:2012-12
>> Algase et al. (2010)
>> Cleary et al. (1988)
>> Cohen-Mansfield, Werner (1995)
>> Cohen-Mansfield, Werner (1998)
>> Cohen-Mansfield, Parpurra-Gill (2007)
>> Cohen-Mansfield et al. (2010)
>> Dunn, Riley-Doucet (2013)
>> Garcia et al. (2012)
>> Heeg (2003)
>> Joosse (2009)
>> McDaniel et al. (2001)
>> Meyer et al. (1992)
>> Namazi, Johnson (1992b)
>> Nelson (1995)
>> Perritt, McCune, McCune (2005)
>> Ragneskong et al. (1998)
>> Whall et al. (1997)
>> Yao, Algase (2006)

SENSORISCHE STIMULATION

Die reizreduzierte Gestaltung von gebauten Umwelten für Menschen mit Demenz darf nicht zu einer Stimulationsarmut führen. Haptische Angebote wie Wühltische oder andere Möglichkeiten zur selbstständigen oder begleiteten Beschäftigung können eine positiv anregende Wirkung haben und beispielsweise agitatives Verhalten mindern.

Spezielle Entspannungs- oder Snoezelenräume stellen multisensorisch erfahrbare Umgebungen dar, die bei Menschen mit Demenz zur Minderung von Agitation sowie einer verbesserten Umweltwahrnehmung beitragen können.



>> Baker et al. (2001)
>> Collier et al. (2010)
>> Cox, Burns, Savage (2004)
>> Heeg (2003)
>> Hope et al. (1998)
>> Milev et al. (2008)
>> Ward-Smith, Llanque, Curran (2009)

MILIEUTHERAPIE



VISUELLE ERKENNBARKEIT VON ELEMENTEN



SUIZIDPRÄVENTION